So könnte das Ergebnis des Gespräches mit dem Geschäftsführer
der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, Herrn Iosif Besnosov, zusammen
gefasst werden. Doch der Erfahrungsaustausch, zu dem die Frauen Union Leipzig
und der CDU-Ortsverband Mitte in das Agneshaus des Caritas-Verbandes am 24.
Oktober 2007 eingeladen hatten, brachte den Teilnehmern noch viel mehr. Zunächst
erinnerte der Moderator des Abends, Dr. Thomas Krzenck daran, dass eine feste
jüdische Gemeinde seit 1710 das kulturelle und geschäftliche Leben Leipzigs
mit prägte, in erster Linie durch die Rauchwarenhändler in der Innenstadt. Im
Jahr 1925 zählte die Gemeinde 12.500 Mitglieder und sei damit die größte in
Deutschland gewesen. Die gnadenlose Jagd der Nazis in den Jahren darauf, insbesondere
der Reichskristallnacht am 9. November 1938 und den Monaten nach der Wannseekonferenz
1942 führte dazu, dass die Gemeinde zu Kriegsende nur noch 35 Mitglieder zählte.
Die Vorstellung des neuen jüdischen Gemeindezentrums sollte im Mittelpunkt des
Abends stehen, Herr Besnosov verkündete daher, dass durch das Anwachsen der
Gemeinde von 35 auf mittlerweile 1.300 Mitglieder die bisherigen Gemeinderäume
zu klein geworden waren. Deshalb habe man entschieden, das bereits 1928 von
den Rauchwarenhändlern gestiftete, zwischenzeitliche enteignete und wieder zurück
übertragene historische Gebäude als neues jüdisches Begegnungszentrum auszubauen.
"Uns geht es nicht nur darum, unseren Gemeindemitgliedern ausreichend Raum für
Ausübung der Religion, Sport, Kultur und Spiel zu schaffen, vor allem sind wir
offen für alle Leipziger." betonte Herr Besnosov. Es sei wichtig, die vorwiegend
aus der ehemaligen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten eingewanderten jüdischen
Mitbürger nicht nur in das religiöse Leben der Gemeinde, sondern vor allem in
die Gesellschaft zu integrieren. Selbstverständlich sei eine Voraussetzung,
die deutsche Sprache zu lernen. "Wir wollen, dass alle einen Beruf ausüben und
ihr eigenes Geld verdienen." Zum Ende der Diskussion tasteten sich die Besucher
auch an diffizile Fragen heran: Auf die Frage, ob ihm, der seit 8 Jahren deutscher
Staatsbürger ist, in seiner neuen Heimat Antisemitismus begegnet sei, antworte
Herr Besnosov: "Manche merken gar nicht, wenn sie antisemitisch sind." Dies
galt insbesondere in Anspielung auf die Proteste, die es gegen den Ausbau des
jüdischen Begegnungszentrums gab. Ein Teilnehmer fragte, was denn grundsätzliche
Sorgen der jüdische Gemeinde seien: Die Antwort kam prompt: Die NPD im Sächsischen
Landtag! Einvernehmliches Gemurmel der Versammlung gab Herrn Besnosov absolut
recht, und das nicht nur aus Sorge um unsere jüdischen Mitbürger. Weitere Bedenken
äußerte der Gast darüber, dass in den Schulen nicht ausreichend über jüdisches
Leben und Religion aufgeklärt werden würde. Dabei würden Führungen durch die
Synagoge, Aktivitäten des Schulmuseums, Gespräche mit Zeitzeugen u. a. Veranstaltungen
angeboten, jedoch nicht ausreichend genutzt. Neugierung geworden, wurde letztendlich
die Frage gestellt, wann denn mit der Eröffnung des jüdischen Begegnungszentrums
zu rechnen sei: Das stünde noch nicht fest, vielleicht im Juli oder auch erst
im September 2008. Eines haben die Teilnehmer am Ende versprochen: "Wir gehen
auf jeden Fall hin, die jüdischen Mitbürger sind in unserer Stadt herzlich willkommen
und wir werden ihre Botschafter sein."
Siegrun Seidel
26. Oktober 2008